Niemand ist gut darin Abschied zu nehmen

Wenn wir Glück haben, erleben wir Abschiede bewusst – dann kann man gemeinsam Abschied nehmen. Ein Essay über das Abschiednehmen, was ich daraus gelernt habe und was mich das Abschiednehmen gelehrt hat.

Wenn man Abschied nimmt, muss man den Abschied an sich heran lassen

Meine Freundin Sophie und ich hatten uns verabredet, um noch ein letztes Mal gemeinsam zu frühstücken, bevor sie am Nachmittag ihre eigene Reise antreten würde. Ich war bereits dabei mein Leben in Kisten zu packen und begann langsam mich zu verabschieden. Ich berichtete Sophie davon, dass ich mich bereits von Menschen, die mir lieb sind, verabschieden musste. Davon, wie ich beobachtete, dass jeder anders mit der Situation umging.

Sophie fragte mich, ob ich denn bereits dabei wäre, mich auch von ihr zu verabschieden. Ich antwortete aufrichtig, dass ich dies noch gar nicht richtig an mich heranlassen könne. Anschließend fragte mich Sophie, ob ich eigentlich wisse was es bedeutet Abschied zu nehmen.

Ich wusste keine Antwort auf Ihre Frage, obwohl ich das Abschiednehmen bereits einige Male bei Freunden und Familie beobachtet hatte – Ich hatte dabei vergessen mich selbst zu beobachten.

Was bedeutet es eigentlich Abschied zu nehmen?

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt also bereits Abschiede genommen ohne zu wissen, was es eigentlich heißt Abschied zu nehmen.

Heute, einige Wochen später, würde ich Abschied wie folgt erklären:

Auf jemanden oder etwas in einem mehr oder weniger gesetzten Rahmen zu verzichten. Das Abschiednehmen setzt in gewisser Weise ein Bewusstsein über den Umstand oder Rahmen voraus – von zumindest einem der Beteiligten.

Muss man heute noch Abschied nehmen?

Ja, das sollten wir. Zum Beispiel, wenn der Rahmen unwiderruflich und unumkehrbar ist. Dennoch denke ich das wir das Abschiednehmen verlernt haben. Uns fehlt schlicht und ergreifend die Übung darin – die Großelterngeneration war vermutlich noch vertrauter mit dem Abschied nehmen, als wir es heute sind.

Wir sind verwöhnt. Fast überall wohin wir gehen sind wir auf Empfang. Eine Verbindung herzustellen erfordert nur ein Tippen und schon ist die Stimme im Ohr oder das geliebte Gesicht auf dem Bildschirm. Man sendet sich Fotos und berichtet stets über das Erlebte. Man bleibt in einer Form der Kommunikation verbunden, die in unser aller Leben geplatzt ist und die man heute kaum noch wegdenken mag. Vielleicht ist auch das der Grund warum ich auf Sophies Frage zuvor keine Antwort wusste.

Wenn Erreichbarkeit auf Reisen wieder keine Selbstverständlichkeit ist

Meine Reise sollte sich anders gestalten. Per Anhalter auf Booten über die Weltmeere segeln bedeutet eben auch: Internet ist wenig verfügbar, Handyempfang ist keine Selbstverständlichkeit. Was bleibt da noch? Im Notfall das Satellitentelefon an Board – zu teuer, um unwichtige Gespräche damit zu führen. Es bleibt das Glück einen Hafen zu finden oder vielleicht ein Café an Land, das WLAN anbietet. Postkarten, Briefe. Ich muss eben damit rechnen mehrere Wochen kein Internet zu haben. Genauso muss ich auch Freunden und Familie erklären, dass ich nicht weiß wie viele Tage oder Wochen ich nicht erreichbar sein werde.

Papa hat schon gefragt, ab wie vielen Tagen ohne Meldung ein Rettungstrupp nachgeschickt werden soll. Als ich begann nicht von Tagen, sondern von Wochen zu sprechen und das ich ihm keine genaue Zeit sagen könnte, war ihm das nicht geheuer.

Wenn ich mich nicht verabschiede dann werde ich auch niemanden vermissen

So versuchte ich also unter dem Deckmantel des Abschieds keinen zu verabschieden. Sagte allen, wir bleiben in Kontakt, wir hören ja viel voneinander und wir werden uns wiedersehen und alles bleibt, wie es immer war.

Ich wusste bis zu diesem Tag mit Sophie nicht wie man Abschied nimmt; ich konnte nur weitergehen ohne zurückzublicken. Fest davon überzeugt, dass es kein Abschied ist. Sicher, dass ich jeden auf meine Reise mitnehme und dass ich eines Tages wiederkomme und alles wiederfinde, wonach ich mich in der Zwischenzeit gesehnt habe. Wenn ich mich einfach nur weigerte Abschied zu nehmen, dann würde ich auch niemanden vermissen.

Der Versuch keinen Abschied zuzulassen hat sich für mich als nicht praktikabel herausgestellt. Mein letzter Arbeitstag sollte am Abend zu einer kleinen Feier mit meinen lieben Kollegen werden. Ein jeder trat an mich heran und wollte Abschied nehmen. Mit Umarmungen und einer Flut an ergreifenden Worten und Wünschen. Ich habe so viel Wertschätzung und Liebe erfahren, dass mich die schiere Aneinanderreihung von Menschen, die sich von mir verabschieden wollten, schlicht und ergreifend überforderte.

Das war wohl die letzte Abschiedsparty die ich mir in meinem Leben gewünscht habe.

Abschied nehmen bedarf Nähe zu sich selbst

Von diesem Tag an wollte ich mir Zeit nehmen für jeden einzelnen. Für meine bevorstehenden Abschiede bedeutete dies also viele Verabredungen. Ich steckte bei jedem den Rahmen ab, für den es sich zu verabschieden galt, so gut ich es eben konnte: Eingeschränkte Erreichbarkeit auf unbestimmte Zeit, während ich mit Fremden auf deren Booten um die Welt segle.

Der Rahmen ist aber nur ein kleiner Teil des Abschiednehmens. Um sich zu verabschieden, muss man sein Herz öffnen und den Moment zulassen. Auch etwas, das so viele von uns verlernt haben – mich eingeschlossen.

Die Zeit wird nicht still stehen, die stete Veränderung ist unausweichlich, gar etwas was ich jedem wünsche. Manche Menschen begleiten einen nur einen Stück des Weges und bereichern einen doch das Leben lang. Beim Abschied geht es darum sein Herz zu öffnen.

Abschied zu nehmen heißt auch jemandem einen Abschied zu geben

„Abschied nehmen bedeutet für mich: einen kleinen Teil der Person mit mir auf meine Reise zu nehmen, aber dennoch den größten Teil der Person loszulassen“, sagte Sophie.

Menschen haben einander gefunden, um einander loszulassen, wenn es an der Zeit ist. Loslassen: das bedeutet in Freiheit und in Eigenverantwortung zu entlassen und Liebe mit auf den Weg zu geben.

Zum Abschied flocht ich Sophie das Haar. Einen Zopf, so stellte ich mir vor, wie er auch von den Wikingern getragen wurde, wenn sie sich auf den Weg machten, neue Welten zu erkunden.

Abschied beginnt in einem Moment, ist aber dennoch nicht vorbei, wenn auch der Moment vorbei ist. Vielmehr trägt man den Abschied mit sich und lässt langsam los, Stück für Stück. Manchmal ohne wirklich jemals loszulassen.

Hallo!

Ich sammel Sommersprossen auf der ganzen Welt. Meine Leidenschaft ist das Segeln. Ich habe meinen Job gekündigt, um Meere zu durchqueren. Hier werde ich meine Erlebnisse und Erfahrungen teilen.

Willkommen an Bord!

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2 Kommentare

  1. Schoener blog _hat mich gefreut zu lesen. Habe gerade Reisepodcast bei Off-the-path ueber Dich angehoert. Antlantikueberquerung ist seit langem mein Traum! In Martinique war ich schon ein paar Mal und sollte in der zweiten Maywoche zu einer Regatta fliegen – die jetzt Covid-19 bedingt abgesagt wurde.
    Auf dem Segel weg nach Sueden: auf jeden Fall zu Tobago Keys und zu St.Blas islands – meine schoenste Segelerfahrung bisher. Nimm Dir Zeit fuer die netten Kuna Yala Indianer auf der ueblichen Route von Colon nach Cartagena. Viel Spass, Simon

    1. Hi Simon, lieben Dank für dein Feedback. Ich hoffe das du bald deinen Weg zurück aufs Wasser finden wirst. Bis dahin alles liebe, Sanni

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